Ein historischer Ort

Warum eine alte Kapelle abgerissen wird und ganz in der Nähe eine neue entsteht und warum auf dem Paradeplatz ab 6 Uhr morgens Kriegshandwerk geübt wurde.

Die Karte von 1855 wurde für den Bau der Brünigstrasse angefertigt. Quelle: Staatsarchiv Obwalden

Will man von Lungern zum Brünigpass wandern bestehen zwei primäre Wegvarianten*. Entweder man benützt den alten Brünig-Saumweg ab Obsee oder den Weg über den Sattel beim heutigen Chäppeli. Im 16. Jahrhundert hatten die Menschen auch diese zwei Möglichkeiten nur mit dem kleinen Unterschied, dass es die heutige Bruderklausenkapelle wie auch die Chäppelistrasse damals noch gar nicht gab. Der Vorgängerbau der Kapelle befand sich 100m in nord-östlicher Richtung auf einem Geländeabsatz, genau dort wo die historische «Chäppelistiege» ihren höchsten Punkt erreicht. Während der Saumweg mit Maulesel und Pferd begehbar war, erlaubte eine Begehung der Stiege keine Tiere, denn der letzte Teil des Weges der damals von Lungern über das Hinti führte war in den Felsen gehauen und sehr schmal.

Hier bei der Chäppelistrasse befand sich der Zugang zur steilsten Passage der Chäppelistiege

Als man in den 1880er Jahren die erste Schmalspurbahnlinie am Brünig erbaute entstand parallel der Bahnlinie eine Strasse, welche u.a. der Instandhaltung der Geleise diente. Beim Bau dieser Strasse wurde der Einstieg in die Chäppelistiege zwangsläufig gekappt und von einem Moment zum anderen war es nicht mehr möglich den Weg zur alten Kapelle, welche 1537 zum ersten Mal schriftlich erwähnt ist, zu begehen. 1898 wurde die alte Kapelle bei der Chäppelistiege abgerissen. So verschwand die alte Kapelle.

Der Ort ist mit der Jahreszahl 1866 markiert. Wohl ein Fehler, denn zu dieser Zeit bestand noch keine Fahrstrasse. Die 6 war wohl usprünglich eine 8 und die richtige Jahreszahl 1886.

Die Passage der Chäppelistiege war von grosser Bedeutung während den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kanton Bern und Obwalden. Wollte man einen Sturmlauf von Berner Truppen ins Tal der Obwaldner unterbinden, so musste man zwei Passagen kontrollieren. Zum einen das Gebiet der ehemaligen Chäppelistiege und zum anderen die enge Talpassage bei der Letzi, dort wo heute die Brünigstrasse verläuft. Im 17. und 18. Jahrhundert errichtete oder reparierte das Obwaldner Militär an diesen Orten Letzinen aus Holz und/oder aus Stein. Während dem Villmergerkrieg 1712 stationierte der Landeshauptmann Schmid seine Besatzung am Brünig. Jene verteilte er in Wachthütten bei der Letzi und als Hauptwacht beim Sewli-Dossen. Der Rest seiner Besatzung fand in den Hütten im Gebiet der historischen Chäppelistiege Platz. Der Flurname Schanz weist auch heute noch darauf hin, dass die Obwaldner in diesem Gebiet eine umfassende Verteidigungsanlage errichteten. Beim Kapeligütsch in erhöhter Lage soll das Hauptlager gestanden haben.

Auszug: Kunst- und Architektur-Denkmäler Unterwaldens, R. Durrer. Quelle: Staatsarchiv Obwalden

So kam es dazu, dass der Landeshauptmann Schmid seine Truppen auf sechs Uhr in der Früh zum Exerzieren auf den Paradeplatz bei der heutigen Bergwirtschaft Chäppeli befehligte.

* Heute wissen wir, dass es von Lungern aus neben dem alten Brünig-Saumweg und der Chäppelistiege noch andere Routen gab, die Brünigpasshöhe, Hasliberg oder Brienz zu erreichen.